Wolfgang Ullrich
   
  170.510,33
 
 

Es ist nicht ganz billig, sich ein Jahr lang in der Welt des Kunstbusiness zu bewegen. Addiert man die Beträge, die Beate Passow zwischen Oktober 2008 und Dezember 2009 bei einer Reihe wichtiger Messen und Ausstellungen der globalisierten Kunstwelt zahlte, kommt man auf die Summe von EUR 170.510,33.- Sie ergibt sich aus neun Kontoauszügen, die neben Reisekosten und Eintritten auflisten, in welchen Galerien Käufe getätigt und welche Orte der Kunstszene – von der Bar bis zum Friseur – aufgesucht wurden. So entsteht das Bild einer Person, die sich im Lifestyle des Kunsttourismus gut auskennt, die aber sicher noch zu den bescheideneren Vertreterinnen der 'artworld' gehört. So kauft sie nur Zeichnungen und kleinere Arbeiten, fliegt Economy, übernachtet nicht in den teuersten Hotels, geht während eines drei oder viertägigen Aufenthalts höchstens einmal in die Oper oder ins Theater und besitzt offenbar keinen Modefimmel, der sie zur Stammkundin in Boutiquen werden ließe. Nicht wenige, die denselben Parcours an Kunstevents – von der FIAC in Paris über die Biennale in Venedig bis zur Art Basel Miami Beach – absolvieren, dürften also drei-, fünf-, zehn-, gar zwanzigmal mehr ausgeben als hundertsiebzigtausend Euro.


Beate Passow ließ die Kontoauszüge sticken – und verwandelte so nüchterne Angaben über das Leben im Kunstbetrieb in eine eigene künstlerische Arbeit. Kleinteiligkeit und Sorgfalt der Stickerei verleiten dazu, auf Details zu achten und Zahlen und Daten viel länger zu studieren, als das sonst üblich wäre. Das große Format der Stickereien – unter dem Titel Trade-Made – sorgt zudem für einen monumentalen Charakter. Man denkt an die mittelalterliche Tradition, bedeutende historische Ereignisse als Teppiche sticken zu lassen, ja als Herrscher die eigene Macht in dieser aufwendigen Technik in Szene zu setzen. Der Teppich von Bayeux ist dafür nur das prominenteste Beispiel.


Auch bei anderen Arbeiten aktualisiert Beate Passow die Möglichkeiten der Stickerei, um Ereignisse und Phänomene aus der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart bildnerisch umzusetzen. Als besonders sprechendes Historienbild kann man zwei Tafeln ansehen, auf denen sie die Börsenkurse vom 11. September 2001 in der Darstellung sticken ließ, wie sie am Tag darauf in der Financial Times abgedruckt waren. Hier sind die ersten Reaktionen auf den Anschlag auf das WTC direkt ablesbar, und während man sich auf Historienbildern sonst in Einzelheiten einer Schlachtordnung oder in Accessoires der Protagonisten vertieft, um mehr über das abgebildete Ereignis zu erfahren, sind es in diesem Fall Angaben über Kursveränderungen, die zu Spekulationen über Hintergründe und Zusammenhänge verführen. Geschichte wird bei Beate Passow also im Leitmedium der heutigen Welt – dem Geld – zum Sujet der Kunst.


Unter dem Titel Crossculture nutzt Beate Passow bei einer weiteren Serie Stickereien dafür, Fotos mit Applikationen zu versehen und auf diese Weise politische, ökonomische und ideologische Dimensionen freizulegen. Auf den ersten Blick touristisch-harmlos anmutende Bilder von Sehenswürdigkeiten oder genrehaften Szenen beginnen durch die gestickten Kommentare, eine andere Seite zu offenbaren und bedrohlich zu werden. Man erkennt schlagartig, wie Globalisierungsprozesse religiöse Konflikte provozieren können oder welche Macht die Logik des Kapitalismus weltweit ausübt.


Doch kaum einmal wird die Kommerzialisierung, ja der wachsende Einfluss von Geld so manifest wie im Kunstbetrieb. Der moderne Kunstmesseboom entsprang in den 1960er Jahren zwar der Idee, Kunst zu einem unprätentiösen Massenprodukt werden zu lassen, das möglichst vielen zugänglich ist und nicht länger durch hohe Preise einschüchtert und befremdet, doch innerhalb weniger Jahrzehnte sind die Messen zu Orten mit eigenem Lifestyle avanciert, der mit teurer Kunst vor allem Mächtige und Prominente anzieht und sich höchst exklusiv gestaltet. Wurde der Kölner Kunstmarkt 1967 noch vornehmlich von links gesinnten Galeristen ins Leben gerufen, sind Kunstmessen spätestens mit Gründung der Art Basel Miami Beach im Jahr 2004 zum Inbegriff eines elitären Kunstspektakels geworden. Und so entscheiden auch nicht mehr die Urteile von Autoritäten, insbesondere von Institutionen wie Museen darüber, wer als Künstler Erfolg hat, sondern mittlerweile sind es Sammler, die mit ihrem Kaufverhalten die allgemeine Einschätzung über ein künstlerisches Oeuvre vorgeben: Kunst wird wesentlich über Preise codiert.


Dies aber macht Beate Passows Serie Trade-Made in ebenso konzentrierter wie eindringlicher Weise bewusst. Ihre Arbeit stellt sich damit in eine Tradition institutionskritischer Kunst, setzt aber vor allem Reflexionen über die Bedeutung von Preisen für die Kunst fort. Erste Projekte dieser Art reichen bis in die 1950er Jahre zurück. So zeigte Yves Klein in einer Ausstellung in einer Mailänder Galerie 1957 elf monochrome blaue Gemälde, die alle dasselbe Format und dieselbe Faktur besaßen. Nur der Preis unterschied sich von Bild zu Bild. Klein wollte damit klarmachen, dass die bildnerische Kraft eines Kunstwerks nicht an seinem materiellen Erscheinungsbild zu erkennen sei. Vielmehr verheißt es umso mehr Wert und Bedeutung, je mehr es kostet.


Wird der Preis damit als konstitutiver Faktor, ja als Werkstoff deutlich gemacht, so spielt er eine ähnliche Rolle wie etwa auch Werktitel. Künstler wie James Whistler oder Odilon Redon gehörten im späten 19. Jahrhundert zu den ersten, die erkannten, dass ein gut gewählter Titel Einfluss auf Wahrnehmung und Wertschätzung eines Werkes haben und zusätzliche Bedeutung schaffen kann. Im Zeitalter eines kommerzialisierten Kunstbetriebs leisten Preise – vor allem hohe, spektakuläre Preise – dasselbe. Außerdem verfügen sie in einer kapitalistisch imprägnierten Gesellschaft über die größte Autorität: Kann man einen Werktitel als rhetorisches Mittel abtun, mit dem der Künstler sein Werk ein bisschen verzaubert und als Kunst erscheinen lässt, so gilt ein gezahlter – hoher – Preis geradezu als Beweis dafür, dass es sich wirklich um etwas Besonderes – um große Kunst – handeln muss. Sonst wäre ja niemand bereit gewesen, viel Geld auszugeben.


Es braucht also auch Sammler, Stars und Sternchen sowie Reiche, die immer wieder – Messe für Messe – auf Shopping-Tour gehen und damit die Bedeutung der Kunst beglaubigen. Ihre Kontoauszüge liefern die aktuelle Form eines Bekenntnisses zur Kunst. Mehr als Rezensionen oder Urteile von Experten spiegeln sie die Erwartungen gegenüber einzelnen Stilen und Richtungen, verraten aber vor allem, wie stark der Kunstbetrieb insgesamt über Preise funktioniert und wie er Künstler und Werke dadurch prägt, dass er sie einem durch und durch von Geld bestimmten Terrain aussetzt. Die EUR 170.510,33.-, die Beate Passows gestickte Kontoauszüge belegen, sind hierfür ein Zeichen, das kaum noch vergessen kann, wer es einmal gesehen hat.